Prähistorie

ca. 10000 v. Chr.

Die Neurochirurgie ist eine der ältesten medizinischen Disziplinen. Zu den ältesten chirurgischen Eingriffen, die Menschen an Menschen vornahmen, zählt die Trepanation (Eröffnung) des Schädels.

Die ältesten paläoanthropologischen Funde, die das belegen sind annähernd 12000 Jahre alt. Das Bild zeigt das Fundstück eines Teils des Schädelgewölbes aus der Nekropole von Taforalt (Marokko, ca. 10000 v. Chr.) mit einem vernarbten Loch von einer Schädeltrepanation. Eines der bislang ältesten bekannten Beispiele für eine Trepanation, wenn nicht gar das älteste überhaupt. Aufgrund der Heilungsprozesse (Vernarbung) der Schnittränder kann man davon ausgehen, dass der Patient den Eingriff überlebt hat.

Die Trepanation erfolgte mit scharfen steinernden Werkzeugen, später auch mit Metallklingen, in schabender oder sägender Technik. Werkzeuge und Praktiken haben sich teilweise bis heute bei einigen Stämmen und Völkern Afrikas und Südamerikas erhalten.

Die Gründe für diese Eingriffe waren wahrscheinlich:

 

   1. Beseitigung von traumatischen Schädeldachfrakturen

   2. andauernde Kopfschmerzen und

   3. "symbolische" oder rituelle Trepanationen.

Antike

In der Antike wurden die ersten nachweislich rationalen epilepsiechirurgischen Eingriffe vorgenommen, indem bei Patienten mit halbseitigen Konvulsionen die Schädeldecke kontralateral zur der gelähmten Körperseite eröffnet wurde.

 

Der griechische Arzt Hippokrates (450-370 v. Chr.) benutzte für Schädelöffnungen Perforativ- und Kronentrepan.

Mittelalter

13. Jh.

Schädeleröffnung mit Meißel und Hammer, farbige Miniatur eines unbekannten Meisters, nach einer Handschrift des 13. Jahrhunderts.

 

Möglicherweise ist auch die Behandlung einer Epilepsie Grund für im Mittelalter vorgenommene Schädeltrepanationen gewesen.

 

Das Christentum verbot im frühen Mittelalter Trepanationen an lebenden Menschen, so gab es nur sehr wenige geheime Kopfoperationen. Erst im 13. Jahrhundert wurde wieder öfter trepaniert. Eine Vielzahl von Trepanationen gab es im 16. Jahrhundert. Damals setzte man, neben den typischen Werkzeugen wie Hammer, Meißel oder Messer, auch Schraubapparate oder primitive Bohrgeräte ein. Neben den echten Ärzten gab es auch Scharlatane und Betrüger, die den Patienten gegen Geld angeblich Steine, Metall oder gar Tiere aus dem Kopf schnitten. Eine Kopfoperation wird in dem Gemälde "Die Narrenheilung" (Die Steinoperation) von Hieronymus Bosch dargestellt. Den Höhepunkt gab es im 18. und 19. Jahrhundert. Damals stieg die Sterblichkeit auch rapide an. Mit der Einführung von Betäubungsmitteln und der Antiseptik begann die moderne Gehirnchirugie. In der modernen Neurochirurgie stellt die Trepanation ein Standardeingriff mit relativ kurzer OP-Dauer (oft weniger als eine Stunde) dar. Über das Schädelloch können Katheter und Drainagen eingelegt werden, z.B. zur Entlastung eines raumfordernden Hämatoms oder als Liquordrainage zum Abfluss des Hirnwassers (Liquor) bei erhöhtem Hirndruck.

 

Voraussetzung für die Entwicklung der modernen Neurochirurgie:

 

   1. Vorhandensein der allgemeine Anästhesie

   2. Asepsis

   3. korrekte Lokalisation funktioneller Hirnareale

 

alle 3 Bedingungen waren Mitte des 19. Jahrhunderts erfüllt:

 

   1. 1846 erste Operation in Allgemeinnarkose (J.C. Warren; W.T.G. Morton)

   2. Asepsis durch intensive Händereinigung mit Kernseife (I. Semmelweiß)

   3. Möglichkeiten zur exakten Lokalisation von Hirnarealen

  

      • „Phrenologie“ (F.J. Gall; J.C. Spurzheim)

      • Zentralregion (I. Rolando)

      • Sprache (P.P. Broca)

      • fokal-motorische Epilepsien (J.H. Jackson)

      • elektrische Kortexreizungen an wachen Hunden (G. Fritsche; E. Hitzig)

 

Pionierzeit (1879 - 1919)

Die Pioniere der Neurochirurgie sind Chirurgen und Neurologen, die sich erstmals verstärkt der Chirurgie des zentralen Nervensystems widmeten. Unter Ihnen sind vor allem Ärzte aus Deutschland und England (Victor Horsley) des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel Ernst von Bergmann und Fedor Krause als Vertreter der Chirurgen und Otfrid Foerster als Neurologe.

Ernst von Bergmann befasste sich als einer der Ersten konsequent mit der Chirurgie des zentralen Nervensystems, verbesserte die Antisepsis und Wundbehandlung und veröffentlichte die erste Übersicht über „Die chirurgische Behandlung von Hirnkrankheiten" (1887).

 

Die am Gehirn operierenden Chirurgen mussten bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein einen Neurologen zu Rate ziehen oder bei den Operationen assistieren lassen.

Meilensteine der Entwicklung der modernen Neurochirurgie:

1879

Erste geplante Gehirnoperation

W. Macewen

1884

Erste erfolgreiche Hirntumorexstirpation (Gliom)

R. Godle; A.H. Bennet

1886

Erste operative Entfernung eines intraspinalen Tumors

Victor Horsley

(1857 – 1916)

1887

Erste systematische Übersicht „Die chirurgische Behandlung von Hirnkrankheiten“

Ernst von Bergmann

(1836 – 1907)

1908

Erste Operation eines lumbalen Bandscheibenvorfalles

Fedor Krause

(1857 – 1937)

1911

„Die Chirurgie des Hirns und Rückenmarks“, 2 Bände

Fedor Krause

(1857 – 1937)

 

Trotz der grundlegenden Arbeiten und Erfolge der zu dieser Zeit weltweit führenden Chirurgie in Deutschland ging die Entwicklung der Neurochirurgie in der Gründerzeit von Amerika aus.

Gründerzeit (1920 - 1961)

Cushing

Harvey Cushing gilt als Begründer der Neurochirurgie, da er die weltweit erste Schule für Neurochirurgie begründete. Die Herausgeber der Zeitschrift „Neurosurgery" und nahezu 170 Mitglieder der „International Liaison and Advisory Panel" wählten Cushing zum Neurochirurgen des 20. Jahrhunderts (1. Hälfte).

 

 

Meilensteine der Entwicklung der modernen Neurochirurgie:

1920

Gründung der amerikanischen „Society of Neurological Surgeons“

1926

Gründung der ersten Gesellschaft für Neurochirurgie in Europa (England)

1936

Gründung der 1. neurochirurgischen Fachzeitschrift der Welt, des „Zentralblatts für Neurochirurgie“

Wilhelm Tönnis

(1898 – 1978)

1950

Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie“ (DGNC) in Bonn

1951

Einführung des Facharztes für Neurochirurgie in Niedersachsen

1956

Einführung des Facharztes für Neurochirurgie in allen Bundesländern

 

 

Gegenwart (ab 1961)

Meilensteine der Entwicklung der modernen Neurochirurgie:
1961
Einführung des Operationsmikroskopes
T. Kurze; S.B. Doyle
1966
Erste mikrochirurgische Clippung eines intracerebralen Aneurysmas
J.L. Pool; R.P. Colton
1972
Einführung der Computertomographie
1978
Einführung der Kernspintomographie
ab 1990Entwicklung der Neuronavigation
2001Fluoreszenzgestützte Gliomresektion
Yasargil

In ganz besonderer Weise wurde die Mikrochirurgie von Mahmut Gazi Yaşargil (* 6. Juli 1925) vorangetrieben, was sich in seinen sechs Bänden der „Microneurosurgery" (1984-1996) manifestiert.

Er gilt weltweit als der Begründer der Mikroneurochirurgie und wurde zum Neurochirurgen des 20. Jahrhunderts (2. Hälfte) gewählt.