Geschichte der Stereotaxie

 

Die Entstehungsgeschichte der stereotaktischen und funktionellen Neurochirurgie basiert auf der Entwicklung von stereotaktischen Rahmensystemen zur Behandlung Bewegungsstörungen (Parkinson, Essentieller Tremor, Dystonie), Epilepsie, Schmerzen und psychiatrischer Erkrankungen und einige Eckdaten sind im Folgenden chronologisch zusammengefaßt. Dabei wurden anfangs entweder Läsionen an unterschiedlichen Zielpunkten im Gehirn gesetzt (also Gewebe zerstört) oder diese später mittels implantierbarer Elektroden permanent elektrisch stimuliert (Tiefe Hirnstimulation).

 

1900er Jahre Victor Horsely konstruiert zusammen mit Robert Henry Clarke den ersten stereotaktischen Rahmen für Tierversuchszwecke.

 

1942 Russel Meyers präsentiert seine Erfolge mit Läsionen des Nucleus caudatus, der Capsula interna und der pallidofugalen Fasern bei Patienten mit Parkinson.

 

1947 Ernest A. Spiegel und Henry T. Wycis entwickeln an der Temple Medical School in Philadelphia den ersten stereotaktischen Rahmen für den Menschen. Anhand der Methode der Pneumenzephalographie (Einspritzen von Luft in die inneren Hirnkammern) in Kombination mit Röntgenstrahlung wird ein hohes Maß an Zielgenauigkeit erreicht. Sie führen die erste stereotaktische Pallidotomie (Läsionen des Globus pallidus) mittels Alkohol-Injektion an einem Patienten mit Huntington Chorea durch. Die zweite Behandlung war eine Schmerzbehandlung wobei eine Läsion im Mittelhirnbereich gesetzt wurde. Über die nächsten Jahre werden verschiedene Rahmen-basierte Läsionen mittels Öl-Procain-Wax-Injektion, Ballon-Kompression, Ultraschall, radioaktive Strahlung, Strom oder thermo-kontrollierter Radiofrequenz vorgenommen.

 

1948 Nach seinem Besuch in Philadelphia entwickelt Lars Leksell in Schweden einen stereotaktischen Rahmen mit dem „Bogen-Prinzip“.

 

1949 Hirotaro Narabayashi entwickelt den ersten stereotaktischen Apparat in Japan.

 

1949 Jean Tailarach und Jean Bancaud verwenden in Paris ein Gitter-System, um Elektroden in das Gehirn einzulegen und elektrische Hirnströme zu messen.

 

1950er Jahre Narabayashi etabliert die Pallidotomie zur Behandlung von Athetose und Parkinson.

 

1951 Bailey und Stein präsentieren einen auf ein Bohrloch im Schädel aufsetzbaren stereotaktischen Apparat.

 

Parallel dazu implantieren Natalia Petronova Bechtereva (die Enkelin des berühmten russischen Neurologen Bechterew) und Carl Wilhelm Sem-Jacobson die ersten Elektroden zur dauerhaften Stimulation bei Patienten mit Parkinson.

 

1952 Fritz Mundinger, Traugott Riechert und Rolf Hassler führen die erste Thalamotomie (Läsion des Thalamus) zur Behandlung von Tremor durch.

 

1960er Jahre Subthalamische (unterhalb des Thalamus gelegene) Zielregionen wie die Zona incerta, Forel Felder, und die posteriore thalamische Area werden populär. Am Ende derselben Dekade wird L-Dopa zur Parkinson-Behandlung eingeführt. Die anfänglichen Erfolge führen zu einem Rückgang der stereotaktisch-funktionellen Chirurgie bis man später erkennt, daß L-Dopa langfristig keine zufriedenstellende Therapie-Option darstellt.

 

1960er Jahre Der Todd-Wells Rahmen wird eingeführt und etabliert sich v.a. in Nordamerika, während die Stereotaxie-Systeme von Leksell und Riechert-Mundinger in Europa verwendet werden.

 

1961 Albert Fessard führt die Mikroelektroden-Aufzeichnung des Gehirns ein.

 

1966 Gründung der International Society for Research in Stereoencephalotomy, welche 1973 zur World Society for Stereotactic and Functional Neurosurgery wurde.

 

1970er Jahre Alim-Louis Benabid und Pierre Pollak entwickeln den ersten implantierbaren Hirnstimulator mit der Firma Medtronic.

 

1973 Hosobuchi implantiert den ersten Stimulator in den Thalamus zur Behandlung von Gesichtsschmerzen.

 

1977 Mundinger berichtet über Erfolge bei 7 Patienten mit Dystonie mit thalamischer Stimulation. Diese (auf Deutsch verfasste) Publikation findet für lange Zeit wenig Beachtung.

 

1985 Lauri Laitinen zeigt, daß die Pallidotomy die Nebenwirkungen von L-Dopa (Fluktuationen und Dyskinesien) reduziert, was zu einer Renaissance dieser Technik führt.

 

1987 Benabid publiziert die Ergebnisse der VIM (ventral intermedius) tiefen Hirnstimulation für Parkinson und essentiellen Tremor.

 

1993 Benabid und Pollak verwenden als erste den STN (subthalamischen Nucleus) zur tiefen Hirnstimulation für Parkinson.

 

Ebenfalls in den frühen 1990er Jahren propagiert Jean Siegfried die tiefe Hirnstimulation des Globus pallidus als Alternative zur Pallidotomie (s.o.) zur Behandlung von Parkinson.

 

Joachim Krauss, Philipe Coubes und Andres Lozano wiederbeleben die tiefe Hirnstimulation des Globus pallidus zur Behandlung der Dystonie.

 

1999 Erweiterung des Behandlungsspektrums der tiefen Hirnstimulation für Tourette Syndrom (Vandewalle) und Zwangsstörungen (Nuttin).